Im Sturm über den Gletscher

(Freitag, 2. April 2010)

Wir erwachen bei Sonnenschein, doch die Temperatur ist trügerisch. Meine vom Duschen nassen Haare sind in weniger als zwei Minuten eingefroren. Aber dafür gibt es SwissMiss zum Frühstück. Wie erwartet sind wir die einzigen, die hier übernachten. Der Wirt spricht sogar deutsch.
Warm angezogen stellen wir uns dem starken Wind und besuchen den Skogafoss bei Tageslicht. Wieder sind die winzigen Wassertropfen zu Eis gefroren und bilden rund um den Wasserfall interessante Formationen. Auch von oben sieht das Ganze sehr imposant aus. Der Zufluss ist teilweise gefroren. Weit dahinter liegt der Vulkan, jedoch klar ausser Sichtweite.
Da wir uns ja hier auskennen, suchen wir wieder den kleinen versteckten Wasserfall nebenan auf. Die Feenatmosphäre ist mit soviel Eis nicht mehr ganz da, auch die braunen Wiesenflächen laden nicht mehr so zum Träumen ein. Dennoch ist das kleine Tal sehr schön und wir geniessen die wärmende Sonne im Windschatten zwischen den schützenden Felswänden.
Langsam setzt auch die Nervosität und Vorfreude auf den Abend ein. Im Hostel packen wir unsere warmen Kleider und das Fotomaterial ein und machen uns viel zu früh auf den Weg. Von der Hauptstrasse biegt die Strasse F222 links weg. (Zur Erinnerung: Die Hauptstrasse Nr. 1 ist meist asphaltiert, die dreiziffrigen Strassen nie und ohne 4WD kaum befahrbar.) Tatsächlich ist diese Strasse schlimmer als alles was ich bisher gesehen habe.
Schlaglöcher bilden hier den Weg, dazwischen liegen riesige Steine. Dennoch fahren hier unzählige riesige Autos hoch, unser Auto scheint daneben fast winzig. Wir lassen einige vor und kommen oben auf einer Art Parkplatz an.
Die Patrouille daneben empfiehlt uns, den Rest der Strecke nicht mehr zu wagen, sondern zu Fuss zur Lodge von snow.is aufzusteigen. Während wir uns warm anziehen, beobachten wir das Treiben auf diesem Platz. Viele sind mit ihren Snowmobiles gekommen, einer sogar mit seinem Motorrad. Auf unserem Aufstieg werden wir von Autos, Schneetöffs und Squads überholt. Oben treffen wir auf eine leere Lodge, die sind wohl noch alle unterwegs. Auf der sogenannten Strasse hat sich mittlerweile eine Kolonne von etwa 10 Autos gebildet. Es wird Luft aus den Reifen gelassen, dass das Auto auf dem Schnee nicht so stark einsinkt. Die Fahrer der grössten Autos müssen dazu nicht mal das Auto verlassen. Ständig werden es mehr Autos, die heranfahren, um über den Gletscher zum Vulkan zu fahren. Ich schaue ungläubig zu, wie ein Auto nach dem anderen hinter der nächsten Kuppe verschwindet.
Wir spazieren wieder zum Parkplatz zurück und essen etwas, während draussen Schneetreiben eingesetzt hat. In Island ändert sich das Wetter immer wieder, und bei den nächsten Sonnenstrahlen sind wir mir unserer Ausrüstung auf dem Weg nach oben. Eine Patrouille hält uns an, sie wollen uns darauf aufmerksam machen, dass dies nicht der Wanderweg sei. Ununterbrochen fahren Autos an uns vorbei und auf den Gletscher, sogar zwei Subaru Impreza schaffen es (im zweiten Anlauf). Ich hätte nie gedacht, dass ich mal eine Autobahn auf einem Gletscher sehe!
Als die letzte Tour zurückkehrt, werden wir mit Übergewändern und Helmen zu Michelin-Männchen gemacht und auf ein Schneemobil gesetzt. Nach einer kurzen Einführung geht es los, ich zuerst am Lenker. Keine 100 m später liegen wir schon auf der Seite. In die Kurve liegen scheint doch wichtiger zu sein als angenommen. Nach einer weiteren mühsamen Kurve habe ich den Dreh raus und finde sogar Spass daran. Die geheizten Griffe finde ich auch spitze! Das Helmvisier jedoch friert innen immer ein und erschwert die Fahrt mit geschlossenem Visier. Da nehme ich doch lieber die Winde in Kauf, die aber die Wimpern zusammenfrieren lassen. Nach einer Weile wechseln Martin und ich.
Plötzlich wird die ganze Gruppe von etwa 10 Mobiles im eisigen Schneetreiben für eine halbe Stunde gestoppt. Wie sich herausstellt, haben wir ein Paar verloren, die vom Schneemobil gefallen sind. Glücklicherweise folgten sie einer anderen Gruppe und warteten vorne am Vulkan auf uns.
Beim Vulkan erwartet uns nicht nur Atemberaubendes, sondern auch kaum Vorstellbares! Hunderte Menschen sind abends um 22 Uhr noch da, mit Autos, Schneetöffs oder was auch immer. Die Patrouille ist stets einsatzbereit, die Sanitäter sind auch nicht weit weg. Diesen Rummel hätte ich nicht erwartet!
Im eisig starken Wind bauen wir unsere Stative auf und versuchen, einige gute Bilder zu machen. Der Akku leidet auch sehr unter der Kälte. Irgendwan gebe ich die Mühen auf und konzentriere mich auf die Schauspiele.
Nach 50 Minuten ziehen wir die Helme wieder an und machen uns auf den Rückweg. Erst kommen wir langsam voran, weil immer wieder ein Töff kippt.
Oft kreuzt auch ein Auto unseren Weg (mitten auf dem Gletscher!). Nach einem kurzen Umweg und mit gefrorenen Augenbrauen, steifen Zehen und Füssen erreichen wir nach zweieinhalb Stunden (!) und ca. 25 km das Ziel.
Der Wind ist mittlerweile so stark, dass wir kaum noch stehen können. Da wir spät zurück sind, fahren die Guides alle nach unten. Ich sehe die Strasse nicht mehr, aber die Isländer haben da ihr spezielles Autozubehör.
Auf unserem Parkplatz wollen wir umsteigen, kommen knapp in unser Auto durch den Sturm (ca. 150 km/h), aber auch diese Batterie ist leer. So fahren wir ins Tal in die Basis, geben den Schlüssel an unsere Guides weiter, die uns das Auto morgen bringen wollen und lassen uns zu unserer Unterkunft fahren.
Ich freue mich riesig auf die warme Dusche, Finger und Zehen tauen endlich richtig auf. Wir essen noch etwas und sinken gegen drei Uhr nachts völlig erschöpft und immer noch zitternd vor innerer Kälte in unsere Kissen.

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