Hochzeit in Srirangam

(Freitag 2. bis Montag 5. September 2016)

Nach drei kurzen Tagen im Büro verliessen wir Chennai am Freitag Nachmittag zu viert plus Chauffeur in Richtung Süden. Krithika hatte zur Hochzeit eingeladen, das wollten wir uns nicht entgehen lassen! Florence und ich hatten beide eine Einkaufstour mit den Mädels vom Büro gemacht und waren kleidungstechnisch perfekt vorbereitet.

Ein Teestopp, ein Abendessen unterwegs und gute 6 Stunden später erreichten wir Srirangam und fragten uns zum Lokal durch, wo die Hochzeit stattfinden wird. Glücklicherweise sprechen Navin und vor allem Gayathri gut Tamil, so konnten wir uns auch mit Ayyannar, dem Fahrer, verständigen.

Einem Rollerfahrer folgend fanden wir unsere Unterkunft, eine leerstehende Wohnung, durch die Brautfamilie für uns gemietet. Helfer brachten Matratzen, Kissen und Decken für uns vier, der Fahrer übernachtete im Auto. Erschöpft fielen wir auf unsere Matten.

 

In Indien ist es normal, dass sich zum Teil die ganze Familie ein Schlafzimmer teilt, so mag es auch normal sein, dass die ganze Nacht ein Licht brennt. Flo und ich konnten da aber nicht sehr gut schlafen und setzten uns für die folgende Nacht gegen Gayathri durch. Auch mitternächtliches Telefonieren kam bei uns auf die No Go Liste 🙂

 

img_7688bZum Frühstück waren wir zurück in der Hochzeitshalle. Es schien, als ob jeder einfach vorbeikommen, sich an einen der langen Tische setzen und Essen erhalten kann. Bananenblätter lagen bereits auf dem Tisch. Kaum hatten wir uns gesetzt, kamen sie mit verschiedenen Körben, Töpfen und Bechern und füllten den leeren Platz auf dem Grün. Es war lecker, mindestens für mich, das meiste zu scharf für Flo (wieso kommt mir das bekannt vor?!). 2016-09-05-photo-00000013bWährend wir gemütlich assen, waren bereits Rituale im Gang, wo das Brautpaar auf der Bühne sass, diverse Priester im Singsang um sie herum, ebenso Familienmitglieder. Ich verstand nicht genau, was sich da abspielte, schaute aber ein paar Minuten zu. Nach einer Weile schien es für uns eher repetitiv zu werden, da wie die gesprochene Sprache (Sanskrit) sowieso nicht verstanden. So machten wir uns auf zum bekannten Srirangam Tempel. Dieser Komplex mit mehreren Gebäuden war leider nur teilweise für thumb_img_0189_1024bNicht-Hindus zugänglich. Wir genossen den Blick vom Dach eines Vorgebäudes und schlenderten um den eigentlichen Tempel herum, wo wir auf einen Elefanten trafen, der uns (gegen eine Spende von 10 Rupien) segnete. Die Farben der Kunstwerke waren leuchtend und eindrücklich im hellen Sonnenlicht, eine wahre Pracht. Sogar unser Fahrer, der uns sonst nur abends vom Büro ins Hotel brachte, schien die Abwechslung zu geniessen.

 

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Zurück beim Mandapam (so wird eine Hochzeitshalle hier genannt) war das Mittagessen im gleichen Stil bereit, ein thumb_img_0212_1024bSchmaus! Danach durften wir Mädels zum Henna malen, das angeblich nur 10 Minuten dauern soll. Mittlerweile ist mir klar, dass das niemals nur 10 Minuten gehen kann, aber die Planung lag nicht an mir. Die Jungs schliefen im Auto, während wir Mehendi auf die Hände erhielten. Die Künstlerin gab sich nicht solche Mühe wie beim letzten Hochzeitsfest (Sardarsahar in Rajastan im Norden, November 2014) und nach der Hälfte (3 von 6 Händen) ging sie in die Mittagspause. Wir genossen es trotzdem und verliessen die Lokalität vorsichtig, um ja nichts zu berühren. Henna muss 1-3 Stunden einwirken, bevor die Paste abgewaschen werden kann. Ungelenk legten wir uns zu Hause in die Betten und waren kurz darauf alle eingeschlafen, tief und fest.

Nach gefühlten Stunden war das Henna abgewaschen, wir eingekleidet in traditionelle Gewänder und wieder zurück auf dem Weg zum Ort des Geschehens. Mittlerweile hatte der Fahrer sich den kurzen Weg von der Wohnung zur Halle gemerkt und wir legten die Strecke in wenigen Minuten zurück. Schliesslich ist Srirangam nur eine sehr kleine Stadt, mit nur 181’000 Einwohnern.

img_0221bFür den Abendanlass hatte ich einen grünen Salwar gekauft mit den Mädels, Gayathri hatte noch dazu passenden Schmuck besorgt. Es war ungewohnt, aber wollten uns anpassen und dem Anlass entsprechend kleiden. Heute Abend war der offizielle Empfang, das heisst jeder kann dem Brautpaar gratulieren, Geschenke überreichen und selbstverständlich Fotos und Selfies machen. Das war für mich eher komisch, denn die beiden werden erst am nächsten Tag offiziell verheiratet. In einem Zwischenteil sang der Bräutigam seiner Zukünftigen ein Ständchen, er ist Vollzeitmusiker/-komponist.

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Wir folgten dem Programm und genossen ein weiteres leckeres Essen unter dem Motto “wie esse ich mit den Händen in einem schicken Kleid ohne zu kleckern” (wir alle kennen Murphy’s Gesetz). Auch das klappte irgendwie und glücklicherweise waren wir zeitig wieder zu Hause, so konnte ich das Kleid ausziehen und wir ins Bett.

 

Der nächste Morgen begann früh, sehr früh. Der Wecker klingelte um 03:30 Uhr und wir merkten einmal mehr den kulturellen Unterschied. Die Reihenfolge für die Dusche macht natürlich wenig Sinn, wenn die erste Person 20 Minuten braucht, um sich mit Zähneputzen und Gesicht waschen auf die Dusche vorzubereiten. Mit 20 Minuten Verspätung waren wir dann alle bereit, Gayathri hatte uns Mädels den Saree gewickelt. Das Ritual hatte noch nicht begonnen, wir kamen also doch noch pünktlich nach indischen Standards.

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Am frühmorgendlichen Ritual macht sich der Bräutigam auf, auszuwandern um Priester zu werden. Der Brautvater hält ihn auf und bittet ihn, seine Tochter zu heiraten. So sehen es die traditionellen Rollenspiele vor.

Es gab einige weitere Rituale, wo Braut und Bräutigam sich gegenseitig Blumenkränze um den Hals hängen müssen, während der andere “versucht” sich zu wehren. Es gab viel zu sehen, einiges wurde mir erklärt, viel hab ich wieder vergessen, sorry. Es wurden Segnungen gesprochen, gesungen und symbolische Geschenke überreicht. Dazwischen wurde natürlich immer gequatscht und Fotos gemacht. Sogar Livevideos wurden in facebook gestellt. Für mich nicht immer einfach, denn was nicht in Saskrit war, war in Tamil. Nur wenn wir direkt angesprochen wurden, geschah dies meistens in Englisch. Mit meinen wenigen Sätzen in Tamil konnte ich wenigstens ab und zu jemandem ein Lächeln ins Gesicht zaubern (klingt bei mir vermutlich etwa so wie wenn ein Ausländer mit krassem Akzent versucht schweizerdeutsch zu sprechen).

Dann erfolgte der eigentliche Akt der Verheiratung: Krithika erhielt einen Saree von ihrem Mann und tauschte ihren, den sie von ihrer Familie erhalten hatte, gegen den der Schwiegerfamilie aus. Weitere Rituale, Segnungen und Traditionen folgten, die wir zu verstehen versuchten. Immer wieder wurden wir von anderen Gästen angesprochen, aber nur zweimal wurden wir um Fotos mit Fremden gebeten.

Nach einem weiteren leckeren Essen (ja, sehr wichtig! :-)) liessen wir uns zum Thanjavur Tempel bringen. Dieser liegt etwas weiter entfernt, aber lohnt sich auf jeden Fall! Viele grosse Tempelgebäude, zwischen denen wir selbstverständlich barfuss hindurch spazierten und dann kamen wir auf Ideen (siehe Fotos). Irgendwann bemerkte ich, dass uns noch einige andere fotografierten (ungefragt diesmal), dann stoppten wir unsere Fotosession.

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Am Abend war der Schlussteil der Hochzeit auf dem Plan, die spielerische Feier. Die Gäste sassen am Boden um das Brautpaar herum oder auf Stühlen etwas weiter ausserhalb des Kreises. Die Braut musste den Bräutigam verschönern (sie schmierte ihm Lehm ins Gesicht und kämmte ihn), ihn füttern (sie zerbrach Brot über seinem Kopf) und sonstige kleinere Aufgaben. Er revanchierte sich entsprechend. Anschliessend begannen alle zu singen, einer nach dem anderen, dann gruppenweise; es sah wie eine Art Wettkampf aus. Sie fragten uns auch, ob wir mitsingen bzw. eines unserer Landeslieder singen wollten. Ich verneinte dankend! Für uns war es jetzt auch an der Zeit, zusammenzupacken und wir kehrten müde und voller Eindrücke in unsere Wohnung zurück.

Wir hatten uns für eine frühe Rückkehr nach Chennai entschieden am Montagmorgen. Es war ein Feiertag, Ganesh Chaturthi, daher waren die Büros geschlossen, aber die Menschen auf der Strasse.

Unterwegs sahen wir viele Statuen des Elefantengottes Ganesh, begleitet von tanzenden Menschen und Feuerwerk. Irgendwann im Verlaufe der nächsten Tage werden dann alle diese Götterstatuen im Wasser versenkt….

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