Hochzeit in Kerala

(Mittwoch, 15. bis Montag, 20. August 2018)

Am Unabhängigkeitstag war viel Regen angesagt, ich war sehr müde und hatte Bauchprobleme, daher schlief ich den meisten Teil des Tages zu Hause. Dafür sind Ferien ja da ☺️

Am Donnerstag verbrachten wir etwas Zeit unterwegs draussen und im Shopping Center, schliesslich brauchte ich noch etwas zum Anziehen am Wochenende, es soll ein Kerala Saree sein. Im Fernsehen lief konstant das Neuste zum Hochwasser in Kerala. Es wird als das Jahrhunderthochwasser bezeichnet. Starke Regenfälle brachten das Mehrfache an Regen, was die Dämme an ihre Kapazitätsgrenzen brachte, so dass diese mindestens teilweise geöffnet werden mussten. Alvin war vor Ort bei seiner Familie, die auf einem Hügel neben der Kirche wohnten. Er half wo immer er helfen konnte. Navin’s Familie war noch zu Hause, das Wasser stieg jedoch auch bei ihrem erhöhten Haus immer näher an die Eingangstreppen. Nachbarn waren bereits zu ihnen geflüchtet. Ein umgefallener Baum stellte den Strom im Haus ab. Nach einiger Zeit sahen sie sich gezwungen, so viele Habseligkeiten wie möglich ins obere Stockwerk zu bringen und flüchteten mit einem Boot in den Süden, zu anderen Verwandten.

Am Freitag sah ich endlich mal wieder den Strand. Am Elliot Beach war ich damals oft zum joggen, mit vielen anderen Läufern, denen meine Hautfarbe egal war. Heute waren kaum Menschen am Strand, sehr ungewöhnlich. Dafür viele Helfer, die den Strand säuberten. Das war auch sehr nötig. Am Abend ins Kino für einen weiteren Film. Alles sehr gemütlich.

 

 

Am Samstag brachte mich Navin an den Flughafen, ich flog nach Mangalore und wurde dort von drei Jungs abgeholt, Freunde der Braut. Für sie waren die Anweisungen einfach: Nehmt die vermutlich einzige weisse Frau am Flughafen mit:-P Drei Stunden Autofahrt über zum Teil katastrophale Strassen später hatte ich Frau und Schwiegermutter des Fahrers und die Brüder der zwei anderen gesehen. Alle wollten mich wohl sehen und riefen via Video an. An einem einfachen Hotel liessen sie mich raus, am Abend sollte mich jemand anders abholen. Ich ruhte mich etwas aus und spazierte dann ins nahegelegene Shoppingcenter. Es war klein und hatte vermutlich noch nie eine weisse Person gesehen. Draussen sammelten sie mit kleinen Eimern Geld für die Hilfe des lädierten Staates, die Soforthilfe und der Wiederaufbau sind kostspielig. Ich machte meinen Besuch sehr kurz und kehrte bald mit Cola und Snacks zurück in mein Zimmer. Nach langem Suchen hatte ich immerhin einen englischsprachigen Newssender gefunden, die anderen Sender verstand ich nicht. Meine Kenntnisse in Malayalam (Sprache in Kerala) begrenzten sich auf eine Handvoll Worte, zudem wird die Sprache so schnell gesprochen. In Tamil (Sprache in Tamil Nadu, Staat um Chennai) kann ich ein paar Sätze sagen, vor allem um mich mit einem Fahrer zu verständigen. In Hindi (wird im Norden Indiens gesprochen, ist nicht die Nationalsprache Indiens) kann ich manchmal sogar den Zusammenhang eines Gespräches erraten, kann aber auch daran liegen, dass immer mal wieder ein englisches Wort vorkommt.

Wie erwartet kam mein Fahrer am Abend verspätet, der erneute Regen verschlechterte die Sicht auf der kaum beleuchteten Strasse. Als Erinnerung: In Indien heisst die Zeitzone IST, Indian Standard Time, was öfters als Indian Strecheable Time bezeichnet wird. Ashok ist der Mann einer Cousine von Reshma, der Braut (oder so), sein Englisch war sehr gut, er arbeitet in Dubai, das machte es einfacher für mich mit ihm zu kommunizieren. Bei der Braut zu Hause traf ich auf ca. 60 Familienmitglieder und Nachbarn. Sie machten Fotos, sassen beisammen und plauderten. Mich setzten sie in ein Zimmer mit Tee und hausgemachtem Gebäck, Ashok’s Frau Soumya malte mir ein Mehendi auf die linke Hand und später assen wir draussen von Bananenblättern. Der Bräutigam und seine Familie waren noch nicht eingetroffen. Wegen den Überschwemmungen in Kerala war der Flughafen in Kochi geschlossen, die Züge und Busse gestrichen und die Strassen nicht einfach zu bewältigen. Daher hatte die Familie des Bräutigams einen Bus gemietet und war in Chennai losgefahren. Unterwegs mussten sie noch auf einen Ersatzbus warten, da ihrer einen Platten hatte. Ereignisreiche Stunden später erreichten sie spätabends endlich den Ort des Geschehens. Es gab weitere Fotos mit Freunden und Familie, dann setzte mich Naveen, der Bräutigam, zu seinen Hilton Kollegen ins Auto, sie wohnten im gleichen Hotel. Nach Mitternacht war ich dann endlich im Bett.

Am Sonntag erwachte ich früh, irgendwo wurden Möbel herumgeschoben, um 6 Uhr. Dann musste ich feststellen, dass es im Hotel kein heisses Wasser gab für die Dusche. Da die Temperatur draussen wohl nie unter 25 Grad fällt, ist kaltes Wasser nicht so kalt, wie wir es uns in der Schweiz gewohnt sind, also durchaus aushaltbar. Im Esssaal wurde ich etwas komisch angeschaut, als ich nach Frühstück fragte, trotzdem erhielt ich kurz darauf eine Portion Dosa mit Sambar und Tee.

Als nach einer Stunde immer noch niemand eingetroffen war, um mich zum Festsaal zu bringen, tauchten die Hilton Kollegen auf und erbarmten sich. Ich hätte ja auch gerne eine Rickshaw genommen, wenn ich die Adresse gewusst hätte, aber keine Ahnung, ob diese Fahrer englisch lesen können. Mit Hilfe erreichte ich dann doch noch früh genug den Ort des Geschehens, da ich ja mich noch umziehen musste bzw. ich brauchte Hilfe beim Anziehen des Sarees. Etwa 10 Frauen hatten sich mit der Braut in einem Zimmer verkrochen, schminkten sich oder kümmerten sich um den Saree, die Frisur oder den Schmuck von Reshma. Abwechslungsweise halfen mir 4 Frauen, bzw. sie machten alles und ich versuchte mich korrekt (nicht) zu bewegen. Leider stellte ich erst viel zu spät fest, dass sie meinen Saree verkehrt rum angezogen hatten, die Stickereien waren also von der Hinterseite zu sehen. Es gab Schlimmeres!

Ich wurde also gut angezogen in den Saal geführt und auf einen Stuhl gesetzt. Der Saal ist mit einer unserer Mehrzweckhallen vergleichbar: Eine Bühne, links und rechts davon eine kleine Treppe nach oben. Davor eine grosse (!) Anzahl von fix installierten Stühlen. Ich plauderte etwas mit dem Mann neben mir, sein Kind war krank und es schaute mich mit grossen Augen an. Immer mal wieder kam jemand (Un)Bekanntes vorbei um etwas zu fragen oder so, ansonsten blieb ich sitzen. Dann begann die Prozedur, ohne grosses Aufsehen und ohne Ankündigung. Reshma folgte einer Reihe von ca. 20 Frauen auf die Bühne, lief ein paar Mal um die kleine Bühne auf der grossen Bühne herum und setzte sich. Dann machte Naveen das gleiche und setzte sich zu seiner Zukünftigen. Ohne Ansprache, Musik oder sonst etwas, das darauf aufmerksam machte, dass jetzt das Wichtigste beginnt, wurden die Hochzeitszeremonien vollzogen, Blumenkränze und Ringe ausgetauscht und eine Art Schnur geknüpft („tie the knot“). Dazwischen und rundherum waren viele Familienmitglieder, die immer mal wieder dreinzureden schienen, mehrere Fotografen mit Unterstützung, die allen sagten wer wo was zu machen hatte und sonst noch so einige; ich hatte den Überblick verloren. Ich sass gemütlich da, lächelte allen zu und wartete geduldig, bis mich jemand auch auf die Bühne holte für Fotos. Zuvor wurde ich jedoch gebeten, mit den „Älteren“ (ich lass das mal so stehen) das Brautpaar zu segnen. Nach kurzer Einführung stellte ich mich also vor diese beiden hin, nahm etwas Reis vom Teller nebenan, streute es über beide Köpfe und gratulierte ihnen. Alle freuten sich, also hatte ich nichts Falsches gemacht. Weiter ging es mit allen möglichen Fotos und Selfies. Als Soumya mir ihren Schmuck borgte, brachte sie sogar den offiziellen Fotograf mit, der mich anwies, wie ich zu stehen hatte für die Fotos.

  

Nach unzähligen Fotos mit Cousinen, Onkeln, Tanten und sonstigen Verwandten, die mehr oder weniger Englisch sprachen gingen wir in den unteren Stock, wo das Essen serviert wurde. Ein Bananenblatt auf dem Tisch, dann servierten verschiedene Männer jeweils einen Teil des Essens, bis ich eine grosse Auswahl an Reis, Curries und anderen Leckereien vor mir hatte. In die Becher füllten sie neben Wasser noch zwei Sorten Payasam, eine Art Gries, als süsses Dessert. Jemand füllte mir gewürzte Buttermilch in die Hand, nicht mein Stil, daher lehnte ich die zweite Portion ab. Mittlerweile war ich ziemlich geübt, mit der Hand zu essen, trotzdem war ich langsamer als die Lokalen. Nach dem Essen gab es noch ein Selfie mit einem der „Kellner“, dann folgte ich den anderen zu den Waschbecken. Da es keine Servietten gab und die rechte Hand ja das Besteck ersetzte, hatte mindestens ich etwas Wasser nötig (ja, auch nach mehrfachem Ablecken aller Finger).

Dann waren irgendwie immer weniger Menschen da, einige stiegen in einen Car und die eine Cousine, die sich bisher um mich gekümmert hatte, brachte mich wieder zu den Hilton Jungs, anscheinend war die Hochzeit vorbei. Ich hatte das nicht wirklich verstanden und hatte mich daher nicht verabschiedet, zum Glück sehe ich das Brautpaar in ein paar Tagen in Chennai wieder.

Nachdem wir uns alle bequemere Kleider angezogen hatten, nahmen mich die Jungs mit zum Bekal Fort. Sie hatten zum Glück ein grosses Auto gemietet, in dem ich auch locker Platz fand. Mit viel Fragen fanden wir das Fort, wo ich als Fremde mal wieder gut das Zehnfache als Eintritt bezahlen musste (25 INR vs. 300 INR (=5 CHF)). Wir schlenderten durch das Fort, machten unzählige Selfies und hatten viel Spass, bis sie uns rausschmissen, die Öffnungszeiten waren vorbei. Einer der Jungs hatte noch nie das Meer gesehen, also war die nächste Station der Strand neben dem Fort. Ich war nicht die Einzige, die sich auf die Wellen freute und stundenlang dasitzen und zuschauen konnte.

Eine Spezialität in Kerala ist Toddy, eine Art Palmwein, der aus Kokospalmen gemacht wird, jedoch nicht immer überall gern gesehen wird. Ich hatte schon viel davon gehört, wie auch die Jungs, also war das unser nächstes Ziel. Hier konnten wir jedoch nicht offen fragen, deshalb dauerte es etwas länger, bis wir einen Toddy Shop gefunden hatten. Dort wurden wir in ein Hinterzimmer geführt und sie stellten verschiedene Flaschen auf den Tisch. Ich probierte den normalen Toddy wie auch den Süssen, beide jedoch nicht mein Stil. Einige der Jungs leerten mehrere Gläser in kurzer Zeit und nahmen noch mehrere Flaschen mit ins Hotel. Nicht so der Fahrer. Ich hatte ihnen schon angedroht, dass ich sonst das Steuer übernehmen würde, mir wurde dann gesagt, dass Mallus (Personen aus Kerala) die besten Fahrer seien, das zeigte unser Fahrer dann auch, wir erreichten unsere Ziele schnell.

In einem Restaurant assen wir grosse Portionen Panneer Butter Masala, verschiedene Chicken Curries und viele Parottas, sehr lecker. Sie hatten zu viel bestellt, ich war froh zu sehen, dass sie sich den Rest einpacken liessen. Vermutlich werden sie hungrig sein, wenn der ganze Toddy getrunken ist….

Am Montag hatten sich meine Fahrer auch wieder verspätet, aber da wir früh losgefahren sind, erreichten wir den Flughafen in Mangalore trotz einem Frühstückshalt pünktlich. Die Jungs sprachen kaum mit mir, nur einer konnte ein paar Worte Englisch, trotzdem wollten sie noch Selfies am Flughafen machen. Ich beginne mich zu fragen, auf wie vielen Bildern auf Facebook ich wohl bin….

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