Abschluss in Chennai

So, endlich habe ich mir die Zeit genommen, den vorerst letzten Artikel zu schreiben (keine Angst, ich habe in den nächsten 3 Monaten 4 Wochen Urlaub geplant, für “Nachschub” ist also gesorgt :-))

Also, wir hatten wie bereits erwähnt 12 neue Mitarbeiter in unser Team aufgenommen. Ich hoffte, dass wir gegenüber dem Vorjahr besser starten werden (als Erinnerung: von den 6 in meinem Team sind noch 2 übrig), aber es begann nicht sehr gut. Am Vorabend vor dem Start der Schulungen schrieb mir einer, dass er wegen Malaria voraussichtlich erst am Montag (anstatt Freitag) kommen werde. Naja, solange es nur ein Tag ist, sagte ich mir. Am Sonntag erhielt ich eine weitere Nachricht: Es sei doch nicht Malaria, sondern wohl eher Typhus und er werde noch einige Tage ausfallen. Am Mittwoch hiess es dann, dass es doch noch etwas länger dauert. So machten wir, was die Inder am besten können: uns anpassen. Da wir ja ursprünglich 13 Personen eingestellt hatten (davon wurden zwei für das französische Team reserviert), wechselten wir unseren “Kranken” gegen einen “Franzosen” ein und erreichten, dass unser Neuzugang bereits am Donnerstag bei uns anfing. Ich musste zwar mit HR diskutieren, weil es nicht einfach war, dass jemand am Donnerstag den ersten Tag hatte, normalerweise werden Einstellungen nur an einem Montag gemacht. Mit etwas Druck war das dann irgendwie doch möglich. So geht das.

Für uns hiess das, dass wir unsere Schulungen entsprechend anpassen mussten. Während einer vor der ganzen Gruppe präsentierte, brachte der zweite den Neuling auf Kurs und der dritte sass beim erfahrenen Team für Fragen und Unterstützung. Je nach Themen und Laune wechselten wir uns ab, spontan und ohne grosse Probleme. Es ist schön, ein gut funktionierendes Team und verlässliche Kollegen zu haben!

Als dann unser Typhus-Patient einen Monat später trotzdem noch ins Büro kam, weil er ja mit dem Training für die Franzosen beginnen sollte, kam er bei mir vorbei um sich persönlich vorzustellen und zu fragen, ob er denn nicht doch noch ins Schweizer Team wechseln konnte. Er hatte ja mit den Schweizer Kollegen die ersten paar Tage allgemeine Einführung erlebt und sich anscheinend gut eingelebt. Schön zu sehen, dass unser Team so begehrt ist und mittlerweile kann ich auch sagen, dass ich stolz darauf bin, was ich letztes Jahr dazu beigetragen hatte! Leider war es für ihn nicht möglich, zu schwierig wäre es für uns geworden, nochmals neu mit den Schulungen zu beginnen und ausserdem hatten wir schon genügend Mitarbeiter in unserem Team, wir sollten die Arbeit mit diesem Team meistern können!

Nach drei Wochen Intensivkurs in einem Schulungsraum wechselten wir an die Sitzplätze im Grossraumbüro. Wir hatten die erfahrenen Mitglieder so umgesetzt, dass jeder der Neuen einen Götti zur Seite hatte, um die ersten Fragen zu klären, was uns Coaches einiges an Arbeit abnehmen sollte. Ich wusste, wie es sein kann mit 10 wirklich Neuen allein zu sein, da war es doch gut zu wissen, dass von den 24 Mitgliedern die Hälfte bereits einiges Wissen hatte und so uns 3 Coaches unterstützen konnte.

Dass wir aber an alles denken müssen, war auch mir nicht bewusst. Anscheinend hatte die IT neue Laptops herausgegeben, die nun nicht mehr direkt an den externen Bildschirm angeschlossen werden können ohne ein Zwischenstück. Nur schade, dass die IT sich dessen nicht bewusst war und nur 3 solche Zwischenstücke an Lager hatte. Es dauerte fast zwei Wochen, bis wir (nach unzähligem Nachfragen) endlich alle Arbeitsplätze vollständig eingerichtet hatten. Ich lerne immer wieder Neues!

Auch die Neuen lehrten uns gerne einige Worte in Tamil (und ich konnte mit meinem beschränkten Wortschatz punkten). Als dann jemand vom lokalen Team die Grundregeln erklärte (zu denen es gehört, dass im Büro ausschliesslich Englisch gesprochen wird, keine lokalen Sprachen), entschuldigte sich das Team bei uns. Für uns war es eher lehrreich gewesen, daher versicherten wir dem Team, dass alles in Ordnung sei.

Auch mit dem Team gab es immer wieder Amüsantes. Zum Beispiel hatte jemand einen halben Tag frei beantragt, was wir problemlos genehmigten. Auf die Frage, ob sie das Büro um 12.30 Uhr verlassen könne, antwortete ich selbstverständlich, sofern die Hälfte der Arbeitszeit bis dahin abgesessen sei (d.h. 4 Stunden). Dann begann das Rätselraten, wie 4 Stunden gearbeitet werden können, wenn Arbeitsbeginn offiziell um 9 Uhr war. (Wir mussten eine Zeit festlegen, wann das Team spätestens hier sein muss, aber anscheinend war nicht allen klar, dass es die späteste Ankunftszeit ist.)

An einem anderen Tag kam kurz nach 9 Uhr eine Mitteilung, dass jemand heute nicht zur Arbeit kommen könne, weil Freunde und Familie eine Überraschungsparty zum Geburtstag geschmissen hätten. Bei über einer Stunde Arbeitsweg hätte die Nachricht viel früher kommen müssen, auch war es für mich eher unverständlich, dass jemand auf eine solche Idee kommen würde, an einem Arbeitstag am Morgen eine Überraschungsparty zu organisieren. Aber ja, andere Länder, andere Sitten.

Familie und auch Freunde haben hier einen ganz anderen Stellenwert, dies wurde mir immer mal wieder bewusst. Auch wenn Freunde dann in verschiedenen Städten wohnen und sich nur per teure Flugreisen oder lange Zugreisen, wird der Kontakt in den meisten Fällen aufrecht erhalten. Es ist auch selbstverständlich, dass Junge eine Stelle weit entfernt von den Eltern annehmen, aber jeden Urlaub dann wieder in der Heimatstadt verbringen. Trotz der Grösse des Landes sind alle im Herzen Inder, aber doch noch sehr heimatbezogen. Das hat mich sehr beeindruckt.

Im Büro hatten wir die Basis-Schulungen abgeschlossen, die ersten Arbeiten trafen bei uns ein. Wir instruierten das Team für die verschiedenen Mandate und legten los. Ich teilte den Neuen je einen Fall zu und sagte dem Götti nebenan, dass ich jeden Fehler des Neuen auch dem Erfahrenen ankreiden werde. Das haben sie sich sehr zu Herzen genommen und ich war positiv überrascht und sehr erfreut über die Qualität der mir abgegebenen Fälle. Mein Team kannte meine strengen Kontrollen bereits, auch den Neuen zeigte ich klar auch noch den kleinsten Fehler auf. Es ist meine Aufgabe, das Team anzuleiten, das nehme ich ernst und mein Team kennt mich. Wiedereinmal war ich stolz, was das Team in den letzten Monaten gelernt hat, wir haben riesige Fortschritte gemacht!

 

 

Nun bin ich seit wenigen Wochen wieder fix zurück in der Schweiz, nach 14 Monaten Abwesenheit (von ursprünglichen 6-8 Wochen). Ich habe mich wieder gut eingelebt, kam direkt in die intensivste Zeit in Zürich und hatte daher kaum Zeit, Chennai und die Menschen dort zu vermissen. Nun merke ich jedoch, dass ich nach fast eineinhalb Jahren intensivem Arbeiten ziemlich ausgelaugt bin und daher freue ich mich auf einige Tage Urlaub, sehr bald!

Ansonsten bin ich gut angekommen, nur ab und zu kämpfe ich noch mit den Begriffen in Deutsch und wie die Formulierung nun korrekt sein sollte. Aber auch das wird bald mal wieder, hoffentlich…. Und bis dahin werde ich halt wieder etwas mehr stottern und pausieren 🙂

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